33booksforanotherbelarus 33booksforanotherbelarus

Der Wind, der in Wut gerät

Autor:in

Moyshe Kulbak

Über das Buch

Ein alter Wind, der von überall vertrieben wird und keine Rast findet, gerät vor lauter Erschöpfung in eine solche Wut, dass die ganze Stadt in einem vorher nie dagewesenen Schneesturm zu versinken droht. Als Leser:innen hat man Mitleid mit diesem Wind, bangt aber auch um die Menschen, die seinetwegen leiden. Wird der wütende Wind schliesslich bezwungen oder besänftigt? Und von wem? Dieses poetische Kinderbuch schreibt der jiddisch-belarusische Dichter Moyshe Kulbak 1921 als Geschenk für die Kinder des Dinezon-Kinderheims in Vilna. Das Motiv des Sturmes als Metapher für unruhige Zeiten der Revolution kommt auch in den anderen Büchern von Kulbak vor, mit dem Buch benennt er somit für Kinder, was sie wohl auch selbst erleben, und zwar ergriffen zu sein und nicht weiter zu wissen. Er gibt ihnen aber auch die Hoffnung auf einen guten Ausgang. Wie Sandra Israel-Niang, die Übersetzerin, Illustratorin und Herausgeberin der deutschen Ausgabe, schreibt: Kulbaks Werk “führt uns ganz nah heran an eine Welt im Wandel, deren Ambivalenz uns bekannt erscheint”. Die jiddischsprachige Literatur gehörte jahrhundertelang zu Belarus, erlebte einen Aufschwung Anfang des 20. Jahrhunderts und geriet dann für Jahrzehnte fast in Vergessenheit. Die Repressionen unter Stalin und der Holocaust, das Verschweigen dieser tragischen Ereignisse in der Sowjetunion und die fehlende Aufarbeitung in Belarus danach, begünstigten das Vergessen. Diese Publikation ist höchstwahrscheinlich das erste jiddisch-belarusische Kinderbuch. Es ist eine wunderbare Einführung ins Jiddische und Belarusische, aber gleichzeitig auch ins Schaffen von Moyshe Kulbak. Die Erstausgabe erschien 1921 unter dem Titel: "Der vint, vos iz geven in kas".

Über den/die Autor:in

Moyshe Kulbak wurde 1896 in Smarhon, in der Nähe von Vilnius, geboren. Er erhielt sowohl eine religiöse Ausbildung im Kheder, wo er die Gemara in der bedeutenden Valoshyner Jeshiva lernte, als auch eine allgemeinbildende in der Volksschule des russischen Reiches. Seine ersten Gedichte verfasste er zuerst noch auf Hebräisch und Jiddisch, später nur noch auf Jiddisch. Mit der Vertonung seines Gedichtes "Shterndl" wurde er sehr populär. Kulbak arbeitete in Kovno, Minsk und ab 1919 in Vilnius, wo er an einer jüdischen Volksschule unterrichtete. 1920 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband Shirim. Im gleichen Jahr ging er nach Berlin, wo er sich in in Bibliotheken und Museen dem Studium widmete, in Zeitschriften veröffentlichte, weitere Gedichte (Lider und Naye lider) und den Roman Messias vom Stamme Efraim schrieb. In Berlin traf er auch Else Lasker-Schüler, die seinen expressionistischen Stil inspirierte. Nach reicher literarischen Schaffenszeit, die jedoch auch von Hunger, materieller Armut und wohl auch von Einsamkeit begleitet war, kehrte er nach etwas mehr als zwei Jahren nach Vilnius zurück, wo er als Lehrer für Jiddische Literatur arbeitete, den jiddischen Zweig des PEN-Klubs leitete, als Dramaturg tätig war und Lesungen und Vorträge hielt, die enormen Anklang fanden. In Vilnius heiratete er Zelda Etkin, 1926 kam der Sohn Elye zur Welt und 1934 die Tochter Raja. 1926 erschien sein zweiter Roman Montag. 1928 zog der erfolgreiche und hochgeschätzte Kulbak mit seiner Familie nach Minsk. Er schrieb dort den Gedichtzyklus "Childe Harold aus Disna" über seine Zeit in Berlin und den Roman Zelmenyaner. Doch statt der erhofften Zukunft für die jiddische Literatur in Minsk wurde Kulbak dort im Zuge des Stalinschen Terrors verhaftet und in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober erschossen. Heute wird diese Nacht, in der 132 Intellektuelle aus Belarus ermordet worden sind, als Nacht der erschossenen Dichter erinnert.

Über den Verlag

Der Verlag Vesna wurde 2018 in Prag von Vesna Vaško und Siarhei Schupa gegründet und setzt sich zum Ziel, anspruchsvolle Originaltexte und Übersetzungen auf Belarusisch zu veröffentlichen. Neben dem Gesamtwerk von Moyshe Kulbak veröffentlichen sie auch Autor:innen wie Alhierd Bacharevich, Julia Cimafejeva, Kristina Sabaliauskaitė, Antanas Škėma und andere. BOOKS / КНІГІ – VESNA / ВЯСНА.

Übersetzer:in

Der Übersetzer Siarhei Schupa ist der wichtigste Vermittler jiddischsprachiger Literatur für die belarusischen Leser:innen. Er wurde 1961 geboren, wuchs auf dem Minsker Kopfsteinpflaster auf (Douhi Brod), ist Absolvent des Instituts für Fremdsprachen, arbeitete im Verlag Belletristik (Skaryna-Zentrum). Er war Gründer der Übersetzervereinigung Babylon (1986) und arbeitete 1991-2001 in Vilnius für Nascha Niwa und Radio Baltische Wellen. Er ist vorwiegend freiberuflicher Übersetzer und Lektor, arbeitete aber auch 1997-1999 und ab 2001 in Prag als Journalist bei Radio Swaboda. Er ist zudem Herausgeber der Archive der BNR, Redakteur des Englisch-Belarusischen Wörterbuchs von W. Paschkewitsch. Autor des Archivromans Reise in die BNR. Neben allen Romanen von Kulbak übersetzte Siarhei Schupa viele andere Autor:innen ins Belarusische, unter anderen P. Mérimée, G. Maupassant, F. Tuglas, M. Unt, E. Poe, J. L. Borges, B. Schulz, E. Keret, M. Pavić, L. Durrell, A. J. Greimas, M. Jergović, O. Milosz, B. Vian, J. Joyce G. G. Márquez. Für die Archive der BNR erhielt er den Ales Adamowitsch-Preis des belarusischen PEN-Zentrums (2000). Seine Übersetzungen wurde mehrfach, unter anderem mit dem Carlos Sherman-Preis des belarusischen PEN-Zentrums ausgezeichnet.

Die Illustratorin Sandra Israel-Niang ist auch Übersetzerin und Herausgeberin dieses Buches auf Deutsch. In einer der Illustrationen zitiert sie ein Bild aus der ersten Ausgabe des Romans von 1921 und knüpft die zerrissenen Fäden zwischen den 1920ern Jahren und der Gegenwart wieder neu. Sie studierte Jiddisch am YIVO-Institut in New York und an der Lunds Universitet in Schweden und ist Mitglied in der Salomon-Birnbaum-Gesellschaft für Jiddisch e.V. in Hamburg, sowie der League for Yiddish (ייִדיש ליגע) New York. Als Übersetzerin und Herausgeberin veröffentlichte sie neben dem Buch von Kulbak auch das Buch von Perec Opoczynski Bücher und Brot (Ahrensburg 2024) und den Band von Chava Rosenfarb Durch innere Kontinente (Erlangen 2023).

Quellen: NIAnGARA Sandra Israel-Niang - Bücher & E-Books - epubli

Produktionsstand

Das Buch ist übersetzt und erscheint 2026 im Verlag Vesna.

Links und Pressestimmen

Quellen: Gespräch mit Siarhei Schupa über das Jiddische in Belarus beim Toledo-Projekt Minsk. City of Translators: TOLEDO — Cities of translators — Jiddisch. Nachwort zur deutschen Ausgabe von Der Wind, der in Wut geriet, aus dem Jiddischen von Sandra Israel-Niang, edition NIAnGARA, 2023 Sonia Dimitrow, Am Ende bleibt das schöpferische Nichts. Ein Gespräch mit Lothar Quinkenstein über Moyshe Kulbaks Montog. Eyn kleyner roman, auf: Am Ende bleibt das schöpferische Nichts – novinki